Stadtteilmanagement Wolfsburg-Westhagen

SPACEWALK, das Statteilmanagement in Wolfsburg-Westhagen - einem Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf, 10.000 Einwohner aus 56 Nationen, hoher Anteil an Spätaussiedlern - geht die Probleme nicht frontal an, sondern entwickelt ein drittes Element, ein kulturelles Projekt, an dem sich alle Akteure im Stadtteil beteiligen können. Dieses Vorgehen beschleunigt und intensiviert Prozesse wie Bürgerbeteiligung, Netzwerkbildung, Imagewandel etc.

 

Ein Stadtteil entwirft sich neu.

Was ist Glück?

Was hat Glück mit Sanierung zu tun?

Was hat Glück mit Integration zu tun?

Ein Stadtteil macht sich auf die Suche.

 

Weihnachten in Westhagen

Ein kalter und dunkler Winter – noch kälter und dunkler zwischen den Häuserschluchten der Hochhaussiedlung – doch da, mitten im “Herzen der Finsternis“: Lichtspiele über der Skyline von Wolfsburg-Westhagen.

 

Die hohen und lang gezogenen Gebäudekomplexe, die Wahrzeichen von Westhagen, werden abends zur weithin sichtbaren Leinwand für ein einzigartiges Schauspiel: Eine Fülle von Bildern und Ideen erfüllt sie allabendlich mit immer neuen Farben und Formen.

 

Also einmal mehr eine Illumination und Stadtinszenierung? Ja auch, aber im Kern etwas ganz anderes. Diese Inszenierung ist nur der leuchtendste Teil eines viel umfassenderen Projekts.

Diese Projektionen sind nicht etwa die Werke von Profis – nein, diese Vielzahl von Vorstellungen Bildern und Texten stammt ausnahmslos von BewohnerInnen dieses Stadtteils. All diesen Bildern und Gedanken liegt eine Frage zugrunde:

 

Was ist Glück für Sie?

 

Die Antworten darauf entwerfen allabendlich eine weithin strahlende Einladung, den Stadtteil in neuem Licht zu sehen.

 

Wolfsburg-Westhagen

Westhagen wurde Ende der sechziger Jahre nach dem städtebaulichen Leitbild "Urbanität durch Dichte" geplant und ursprünglich für 12 000 Bewohner erbaut. Heute leben 9 600 Menschen hier, in manchem zehnstöckigen Gebäude nur noch vier oder fünf Haushalte. 17 Prozent der Einwohner kommen aus 56 Nationen. Der geschätzte Bevölkerungsanteil von russlanddeutschen SpätaussiedlerInnen beträgt ca. 40 Prozent. Arbeitslosigkeit und der Anteil an SozialhilfeempfängerInnen liegen deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtstadt. Anonymität und Alkoholismus sind nur zwei Auswirkungen einer Ballung von Schwierigkeiten im Verlauf der letzten dreißig Jahre.

 

Westhagen ist damit vergleichbar mit vielen Stadtteilen aus den siebziger Jahren, so genannten Trabantenstädten. Ganz gezielt an diese Stadtteile richtet sich das Bund-Länder-Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt".

 

Im Sinne des Förderprogramms "Soziale Stadt" kann eine nachhaltige Veränderung nur durch eine integrierte Vorgehensweise, in der soziale, wirtschaftliche und städtebauliche Maßnahmen miteinander verbunden werden, erfolgen. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass die BürgerInnen an diesem Prozess tatsächlich und nicht nur pro forma beteiligt werden. Somit ist der Aufbau eines funktionierenden Bürgernetzwerkes die Basis des gesamten Prozesses. Seit dem Jahr 2000 ist Westhagen in das Förderprogramm "Soziale Stadt" aufgenommen.

 

Das Netzwerk SPACEWALK betreibt seit 1. Mai 2000 das Stadtteilmanagement. Kern des Gesamtprojektes ist es allen Beteiligten einen Weg ins Zentrum zu ermöglichen und so an dessen Gestaltung mitzuwirken. Dies geschieht auf der Basis eines integrierten Handlungskonzepts.

 

SPACEWALK

 

1999 gab es eine europaweite Ausschreibung für die Durchführung des Stadtteilmanagements in Westhagen. Aus über 50 Mitbewerbern wurde SPACEWALK von der Stadt Wolfsburg und Vertretern aus Westhagen ausgewählt.

 

SPACEWALK ist ein international tätiges Netzwerk aus Künstlern, Wissenschaftlern und Pädagogen aus verschiedenen Kulturkreisen und entwirft seit zehn Jahren Kulturprojekte im gesellschaftlichen Raum.

 

SPACEWALK hat es sich zur Aufgabe gemacht, bei Menschen unterschiedlichster Herkunft kreative und kommunikative Potenziale zu entwickeln und zu fördern. Ziel ist es, die Menschen ihre Kreativität und Kommunikationsfähigkeit als Rüstzeug und Möglichkeit entdecken zu lassen, um sich selbst und ihr gesellschaftliches Umfeld zu verbessern und zu verändern.

 

SPACEWALK arbeitet dabei mit Mitteln und Methoden aus Theater, Tanz, Musik, Video und bildender Kunst, begibt sich damit in soziale Spannungsfelder und an soziale Knoten- und Brennpunkte und arbeitet dort mit den Menschen vor Ort an der Förderung und Verbesserung von Kommunikation und Kreativität.

 

Für die Dauer des auf drei Jahre angelegten Stadtteilmanagements in Westhagen ist SPACEWALK nicht der Stadtverwaltung angegliedert, sondern versteht sich als selbstständiger und unabhängiger Dienstleister. So räumt der Vertrag zwischen der Stadt Wolfsburg und SPACEWALK beiden Parteien das Recht ein, ihn nach jedem Jahr nicht zu verlängern, sollten die Bedingungen für eine fruchtbare Zusammenarbeit nicht mehr gegeben sein.

 

Das Stadtteilbüro im Zentrum Westhagens ist von zwei Mitarbeitern besetzt; während der Projektphasen kommen bis zu 20 weitere Mitarbeiter des Netzwerkes in den Stadtteil, wo sie für die Dauer der Projekte im Zentrum von Westhagen leben.

 

Wege ins Zentrum

 

“Wege ins Zentrum - Das Westhagen-Projekt“ ist die Konzeption, mit der sich SPACEWALK in Wolfsburg vorgestellt hat. Der Kern des gesamten Projekts ist es, allen Beteiligten einen Weg ins Zentrum zu ermöglichen, um gemeinsam im Rahmen von acht Handlungsfeldern an dessen Gestaltung mitzuwirken. Dabei ist der Begriff “Zentrum“ ganz real und auch im übertragenen Sinne zu verstehen. Das Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass es auf allen Ebenen Möglichkeit zur Beteiligung anbietet: von niederschwelligen Angeboten vor Ort für den einzelnen Bürger bis hin zu hochprofilierten baulichen, wirtschaftlichen, sozialen und künstlerischen Einzelprojekten und Maßnahmen. Alle Einzelaktivitäten werden in das Gesamtprojekt eingebunden. Dadurch werden Prozesse von eigentlich längerer Dauer beschleunigt, vernetzt und verstärkt. Dabei ist die überregionale Resonanz des Projektes ein wichtiger Faktor für seinen Erfolg.

 

SPACEWALK bietet als Stadtteilmanagement Westhagen:

 

Eine Schaltstelle für alle Belange zwischen der Stadt Wolfsburg und Westhagen

 

· Die Koordination und Bündelung der Kräfte und Akteure, die

in Westhagen tätig sind.

 

· Eine Dynamisierung der Entwicklungen im Stadtteil durch

Einbindung der Bevölkerung und der verschiedenen

Initiativen und Organisationen in ein künstlerisches Projekt.

 

· Eine Erhöhung der Effektivität der verschiedenen Aktivitäten

durch Vernetzung

 

Der mit der Stadt Wolfsburg vereinbarte Vertrag beinhaltet weiterhin folgende Ziele:

 

Verbesserung der Lebensqualität für die Bewohnerrinnen und Bewohner des Stadtteils, d.h. ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage.

 

· Die Befähigung der Bewohner des Stadtteils zu aktiven

Akteuren der Stadtentwicklung zu werden.

 

· Die Verbesserung der Außenwahrnehmung des Stadtteils

und damit Einleitung eines positiven Entwicklungsprozesses

für Westhagen.

 

Ein Schwerpunkt der Arbeit ist der Arbeitskreis, ein Gremium aus ca. 90 Personen, die in Westhagen wohnen oder arbeiten (auch als Vertreter z.B. von Schulen oder Institutionen). Der Arbeitskreis ist das zentrale Organ der Mitbestimmung und Bürgerbeteiligung bspw. bei der städtebaulichen Rahmenplanung. Innerhalb des Arbeitskreises gibt es Interessengemeinschaften zu verschiedenen Themen, z.B. IG Integration, IG Senioren, IG Kinder und Jugendliche usf.

 

Grundlegend ist außerdem die Überzeugung, dass Integration ein Prozess ist, der mehrere Seiten betrifft: integriert werden kann nur, was vorher klar definiert ist. Daraus ergibt bspw., dass jede Gruppe ihren Raum braucht. Für die verschiedenen Gruppen wie auch für den Stadtteil selber gilt: die Betonung der eigenen Stärken ist wirksamer als das Bekämpfen negativer Bilder oder das Festhalten an Problemen.

 

Die Methode: ein gemeinsames kulturelles Projekt als Quelle und Motor

 

Der besondere und in verschiedenen Zusammenhängen erfolgreich umgesetzte Arbeitsansatz von SPACEWALK besteht darin, die Vielzahl der Probleme nicht frontal anzugehen, sondern zusammen mit den Beteiligten ein gemeinsames Drittes – ein kulturelles Projekt - zu entwerfen.

 

Auf dem Weg zu diesem selbstbestimmten Ziel werden soziale Umgangs- und Kommunikationsformen entwickelt, gefördert und eingeübt. Durch diese projektorientierte Form des Stadtteilmanagements ist die soziale Erneuerung von Westhagen gleichsam das Nebenprodukt eines lustvollen und spannenden Prozesses, an dem sich Jede und Jeder beteiligen kann.

 

Mit diesem Ansatz ist es SPACEWALK gelungen, neue Impulse in unterschiedlichste soziale Spannungsfelder zu bringen.

 

Das Projekt – “Weihnachten in Westhagen“

 

1. “Ausgehen von dem, was da ist“, heißt ein Grundsatz von

SPACEWALK

 

“Zu groß, zu hoch, zu breit, zu klotzig, zu grau!“: die beiden von Weitem sichtbaren Wohnkomplexe, Wahrzeichen von Westhagen; vielen gelten sie als die Schandflecken, als das eigentliche Problem dieses Stadtteils. Dort scheinen sich die baulichen und sozialen Probleme zu bündeln.

 

Die beiden massiven Häuserfronten sind gleichsam die Projektionsfläche für alle negativen Assoziationen und Vorurteile in und um Westhagen. Genau das macht sich das Projekt zunutze: Es nutzt diese Gebäude ganz real als Leinwand für die neuen, künstlerischen Projektionen der Bewohner des Stadtteils.

 

“Weihnachten in Westhagen“ benutzt, was da ist, Positives wie Negatives (die Vorstellungskraft von 10 000 Menschen aus verschiedenen Nationen auf der einen, Dunkelheit, Unübersichtlichkeit, Mangel an öffentlichem Leben auf der anderen Seite) und macht etwas Drittes daraus. Es wirft ein in jeder Hinsicht neues Licht auf die Situation.

 

2. Gemeinsames Ziel:

 

“Weihnachten in Westhagen“ gibt dem Gesamtprozess eine Struktur, indem es ein gemeinsames räumliches Zentrum (Marktplatz) und zeitliches Ziel (Weihnachten) definiert.

 

Übertragung auf die Gesamtsituation

 

Das kulturelle Projekt “Weihnachten in Westhagen“ enthält modellhaft und überschaubar die Kernkomponenten der acht Handlungsfelder des integrierten Handlungskonzepts von Gestaltung über Belebung des Zentrums, über die Integration der verschiedenen Einwohnergruppen und Gewerbeförderung bis hin zur Imagepflege und Öffentlichkeitsarbeit.

 

Das gemeinsame kulturelle Projekt ist der Vermittler zwischen den 8 Handlungsfeldern und den Akteuren im Stadtteil (Einwohner, Stadt, Gewerbe, Einrichtungen und Wohnbaugesellschaften). Mit “Weihnachten in Westhagen“ wurde ein gemeinsamer neutraler Raum geschaffen, der jedem Akteur vom Asylbewerber bis zur Wohnbaugesellschaft die Möglichkeit gab, sich zu beteiligen, sich selbst auszudrücken und seine eigenen Vorstellungen und seine eigene Kompetenz und Fähigkeit einzubringen und darzustellen.

 

Ablauf: “Westhagen sucht das Glück“

 

Drei Monate lang gingen die Mitarbeiter von SPACEWALK als "Glücksforscher" von Tür zu Tür. Nach einem Zufallsprinzip wurden Straßennamen und Hauseingänge bestimmt, in denen die Bewohner befragt werden sollten. Und dann standen sie plötzlich vor der Tür und fragten: “Was ist Glück für Sie?“ und ¥to eto ¥¥¥CT¥E? Unterstützt durch Piktogramme und Fragebögen, gelang es ihnen auch mit WesthagenerInnen ins Gespräch zu kommen, für die es in Deutsch nicht so einfach war. Das sollte es jedem ermöglichen an dem Projekt teilzunehmen. Und Westhagen suchte. “Die Glücksforscher sind da!“ hallte es durch die Treppenhäuser...“Ja, was ist eigentlich Glück...?“ “Ist Glück Zufriedenheit oder mehr?“... “Ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Aus ersten, schnellen Antworten entstanden oft lange Gespräche über das Wesen des Glücks.

 

Die Westhagener waren Glücksexperten und fotografierten ihre Bilder vom Glück mit dem Fotoapparat, den die Glücksforscher mitgebracht hatten. Mit ihren Bildern – insgesamt weit über 1000 – brachten sie Westhagen zum leuchten. Sie wurden vom 1. bis zum 24. Dezember im Rahmen einer Lichtinstallation auf die Hochhäuser am Marktplatz von Westhagen projiziert. Es entstanden Themen- oder Gruppenabende, die bspw. von Schulklassen, Vereinen, religiösen Gemeinschaften oder einer Gruppe Spätaussiedler gestaltet wurden. Schulen hatten sich in Projekttagen mit dem Thema “Glück“ beschäftigt, es gab einen Glückssong, der aus den Aussagen zum Glück komponierte worden war. Zu den Aktionen trafen sich in der Vorweihnachtszeit jeden Abend ein paar Dutzend bis einige Hundert Menschen auf dem Marktplatz. In einem Zirkuszelt feierten sie anschließend ihr ganz persönliches Weihnachtsfest. Insgesamt haben über 10 000 Menschen die Projektionen besucht.

 

Die Atmosphären aus Licht, Bildern, Worten und Musik erfüllten für einen Monat lang das Zentrum von Westhagen und machten es zu einem hellen und warmen Ort, an dem sich jeder wiederfinden konnte.

 

Ausblick – Westhagen baut

 

Die Zwischenbilanz nach eineinhalb Jahren Stadtteilmanagement: In vielen Bereichen überschreiten die Erfolge das Maß dessen, was vorher für möglich gehalten wurde.

 

Als zentraler Punkt hat sich das in den Köpfen festsitzende Negativbild des Stadtteils erwiesen, der dank des Kulturprojektes in ein völlig anderes Licht getaucht worden ist. Gerade auch die überregionale Resonanz (mit Berichten in der WELT, der BILD-Zeitung und auf RTL) lassen die Westhagener ihren Stadtteil anders erleben.

 

, den Wegzug von Westhagen zu stoppen, wurde voll und ganz erreicht. Der Arbeitskreis ist auf ca. 90 Teilnehmer angewachsen und gut strukturiert. (Ein Verfügungsfond von DM 20.000.-/p.a.) steht für Projekte des Arbeitskreises bereit.) Etwa 150 EinwohnerInnen aus verschiedenen Ländern beteiligen sich regelmäßig an verschiedenen Arbeitsgruppen.

 

Vorläufiger Höhepunkt war eine spontane Demonstration für Frieden und Toleranz als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September. Statt eines Stadtteilfestes zogen über 600 Bürger aus 40 Nationen bei strömendem Regen gemeinsam durch Westhagen, um ein Zeichen für Toleranz und ein friedliches Miteinander zu setzen.

 

Gleichwohl ist das Gesamtverfahren gerade erst am Anfang. Gemeinsam mit den Stadtplanern und Architekten der GRUPPE PLANWERK Berlin, gilt es die bereits begonnene städtebauliche Sanierung unter tatsächlicher Beteiligung der BewohnerInnen voran zu bringen.

 

Folgerichtig wechselt die Projektebene, wie das Gesamtverfahren vom reinen Entwerfen (Projektionen des Glücks) zum konkreten Umsetzen und Bauen. Die neue Leitfrage zielt auf einen Ort, an dem nach Bloch noch keiner war, den es vielmehr noch zu errichten gilt: