Das Forster Tuch

Das Forster Tuch

– eine Stadt webt an der gemeinsamen Zukunft.

 

Sommer 2004

Das Zentrum von Forst ist hell erleuchtet. Von weit her strömen immer mehr Menschen auf die Freifläche am Marktplatz. Sie alle wollen sehen, worüber in den letzten Monaten so viel berichtet wurde. Und tatsächlich da strahlt inmitten von festlichem Treiben: ein Tuch, mehrere hundert Quadratmeter groß – das berühmte Forster Tuch.

 

Ein Tuch, bunt zusammengesetzt aus Tausenden von Einzelstücken in verschiedenen Farben und Mustern, mit Botschaften und Zeichnungen versehen, gewoben, bedruckt und bemalt.

Dieses einmalige Tuch wurde nicht etwa von Künstlern entworfen und industriell gefertigt, nein, was hier miteinander verwoben wurde, sind die Vorstellungen der Menschen aus Forst. Teil für Teil wurde von ihnen entworfen und gestaltet. Hunderte von ganz persönlichen Botschaften von Kindern, Frauen und Männern, Hunderte von Bekenntnissen zu einer außergewöhnlichen Stadt.

 

Längst ist es mehr als ein Tuch! Das Forster Tuch ist zu einem Symbol geworden. Ein Modell für das, was möglich ist, wenn die Menschen einer ganzen Stadt die Fäden selbst in die Hand nehmen und jeder seinen Teil zu einem gemeinsamen Ganzen gibt. Forst macht Mut!

 

Ausgangslage

Forst (Lausitz), eine Stadt mit ehemals 40.000 Einwohnern, heute noch 23.000, an der Grenze zu Polen, war einst einer der wichtigsten Textilindustriestandorte Deutschlands. Heute ist die Situation dramatisch. Die Region ist ohne jegliche Industrie. Eine Vielzahl von Problemen überlagert und verstärkt sich gegenseitig: Arbeits- und Perspektivlosigkeit, städtebauliche Defizite, Abwanderung, dadurch bedingter Leerstand und Abriss, Ausländerfeindlichkeit und erschreckender Drogenkonsum unter Jugendlichen.

 

Forst steht damit modellhaft für die Situation in vielen ostdeutschen Städten. Noch schwieriger wird die Situation durch den gerade begonnenen Abriss von ganzen Gebäudekomplexen in der Mitte der Stadt. Durch den Abriss von ca. 1.500 leerstehenden Wohnungen entsteht eine riesige „Brachfläche“ mitten im Zentrum der Stadt.

 

Was soll man tun? Warten bis sich die Probleme durch Abwanderung und Überalterung von selbst lösen, weil die Städte sich auflösen?

 

Ansatz

Die Situation ist bekannt. Es ist müßig sie zu beklagen. Impulse von außen sind nicht in Sicht. Also gehen wir von dem aus, was da ist, und verbinden zwei der großen Potenziale der Stadt:

 

1. die lange Tradition des Webens, der Tuchmacherei und Textilindustrie und

2. die Phantasie, Vitalität und Schaffenskraft der 23.000 BewohnerInnen von Forst.

 

Daraus entsteht die einfache Grundidee des Forster Tuches: Jeder gibt seinen Teil zu einem gemeinsamen Ganzen. Jede/r gestaltet einen Quadratmeter Tuch, und die einzelnen Teile werden zu einem großen Tuch zusammengesetzt.

 

Das Forster Tuch liefert eine konkrete Aufgabe und ein sichtbares, fassbares Resultat. Allein der Vorgang, dass eine ganze Stadt ein gemeinsames Tuch „webt“, hat vielfältigen Einfluss auf das Zusammenleben innerhalb von Forst und wirkt weit über die Stadt hinaus. Das Projekt dient als Modell und Training für das Gesamtverfahren und enthält alle Elemente des Gesamtprozesses. Es schafft ein Angebot, an dem sich jede/r entsprechend ihrer/seinen Voraussetzungen beteiligen kann und bereitet den Boden für ein integriertes Verfahren, in dessen Zentrum die BewohnerInnen stehen.

 

Das Forster Tuch lebt davon, dass alle Akteure die Fäden aufnehmen und die einfache Grundidee mit ihren Themen und Interessen verweben.Entscheidend ist es, den Prozess, das Weben des gemeinsamen Tuches, auf alle Aspekte der städtebaulichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung zu übertragen.

 

Zum Beispiel:

· Städtebaulicher Prozess: Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten werden erfahrbar gemacht. Ganz konkret wird der Prozess des „Tuchmachens“ auf die Freiraumgestaltung im Zentrum von Forst übertragen. Der Boden wird in Parzellen eingeteilt und wie für das Tuch, gibt jede/r seine/ihre eigenen Vorstellungen für die Nutzung und Gestaltung der Fläche. Aus den Ideen und Entwürfen werden gemeinsam städtebaulich tragfähige Konzepte für die Flächennutzung und -gestaltung entwickelt. So entstehen in einem breit getragenen Aneignungsprozess neue Impulse für eine Belebung des Zentrums.

· Einbeziehen der polnischen Partnerstädte: Deutsche und Polen schaffen etwas Gemeinsames. Auf dem Weg zu diesem gemeinsamen Ziel entstehen auch über Sprachgrenzen hinweg Begegnungen und damit neue Verbindungen und Möglichkeiten.

· Soziales/Gemeinwesen: Vernetzen aller Institutionen, Vereine, Schulen, Unternehmen und der Verwaltung durch Einbindung in das Projekt.

· Bildung: In Zusammenarbeit mit allen Schulen und Jugendeinrichtungen der Region entstehen Teilprojekte, die ganz speziell junge Menschen auf beiden Seiten der Neiße einbeziehen und die Region als Bildungsstandort profilieren.

· Wirtschaft und Tourismus: Öffentlichkeitsarbeit für die gesamte Region. Das Tuch als "Aufhänger" für die Geschichten hinter den Bildern und Mustern.

 

Ziel

Die BewohnerInnen werden zu MitgestalterInnen und AnwältInnen in eigener Sache.

Das Forster Tuch wird ein Modell dafür, wie eine Stadt und mit ihr eine ganze Region, die eigenen Potenziale verbindet und gemeinsam etwas Besonderes schafft.

Der Prozess, das „Weben“ des gemeinsamen Tuches, wird auf alle Aspekte der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sowie der sozialen, wirtschaftlichen und städtebaulichEntwicklung übertragen.

Das Forster Tuch gibt Impulse für weitere Aktivitäten aus der Region heraus.

 

Die Stadt Forst (Lausitz) hat wie zahlreiche ostdeutsche Städte eine Vielzahl von Problemen: Lösungen sind keine in Sicht. Was soll man tun? Warten bis sich die Problem durch Abwanderung und Überalterung von selbst lösen, weil die Städte sich auflösen?

 

Klar ist, eine wie auch immer geartete Entwicklung kann nicht von aussen sondern nur von innen durch die Bewohner selbst geschehen. Dabei zeigt sich ein Hauptproblem vieler Städte: wer nicht geografisch wegzieht, zieht sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Abgerissen werden nicht nur Gebäude, sondern auch die Strukturen des Gemeinwesens.

 

In diesem Spannungsfeld realisierten SPACEWALK und Gruppe Planwerk im Auftrag der Stadt das Kunst- und Beteiligungsprojekt Das Forster Tuch – eine Stadt webt an der gemeinsamen Zukunft.

 

Ziel war es, das Grundprinzip: „jeder gibt seinen Teil zu einem gemeinsamen Ganzen“ im Rahmen des Kunstprojekts zu trainieren und auf die entscheidenden Aspekte von Zusammenleben und Entwicklung der Stadt zu übertragen.

 

Die Bewohner der ehemaligen Tuchmacherstadt wurden eingeladen, jeweils einen Quadratmeter Tuch zu gestalten. Innerhalb eines Jahres wurden Tausende von Einzelstücken mit Botschaften und Zeichnungen versehen.

 

Während eines Festivals im August 2004 wurde das Forster Tuch, zusammengesetzt aus 3000 Einzeltüchern, im Zentrum von Forst (Lausitz) präsentiert.

 

In Bürgerforen, Arbeitsgruppen, Befragungen und unterschiedlichen Projekten haben sich von Sommer 2003 bis Sommer 2004 über 8000 Forster beteiligt.

 

Die Ergebnisse dieser breiten Bürgerbeteiligung reichen von der Gestaltung der Freifläche Am Markt, neuen Impulsen für den Textilstandort Forst, Initiativen wie Kneipennacht, Bauernmarkt oder Kinderforum bis zu Einführung des Forster Tuches als Marke und Plattform für Stadtmarketing.